Du hast diesen Sommer dein Studium abgeschlossen. Wie fühlt es sich an, jetzt zum ersten Mal ohne den Kontext der Akademie zu arbeiten? Hat sich dadurch schon etwas an deinem Blick auf die eigene Arbeit verändert?
Carlo Krone: Ich hatte ja schon während des Studiums das Privileg, ohne den Kontext der Akademie arbeiten und ausstellen zu dürfen. Es fühlt sich toll an, jetzt relativ unverändert weitermachen zu können. Lediglich das Bahnticket ist jetzt teurer.
Wolltest du eigentlich schon immer Künstler werden?
CK: Nein. Höchstens auf die Art, wie wenn ein Kind sagt, es möchte Seeräuber oder Prinzessin werden, wenn es groß ist.
Mit Freischwimmer eröffnest du kurz nach deinem Studienabschluss eine Einzelausstellung. Passt der Titel für dich auch zu diesem persönlichen Übergang?
CK: Ja, das erschien mir ganz passend. Ich selbst habe nie ein Schwimmabzeichen gemacht, nicht mal das Seepferdchen. Jetzt habe ich immerhin einen Studienabschluss.
Du hast über die neuen Arbeiten gesagt, dass du dich stärker von vertrauten Arbeitsweisen „freischwimmen“ möchtest. Wovon genau möchtest du dich lösen?
CK: Da habe ich gar nichts Konkretes im Kopf. Anstatt vertraute Arbeitsweisen zurückzulassen, geht es mir eher darum, offen für Neues zu sein. Ich sehe die eigenen malerischen Methoden wie eine Art Werkzeugkasten, der stetig erweitert werden kann. Ich habe das Gefühl, als Maler umkreise ich meine Themen und bearbeitet diese von allen Seiten mit immer neuen Mitteln. Mir ist wichtig, dass klar ist, dass dies nicht an bestimmte Farben, Motive oder Stilrichtungen geknüpft ist. Es geht darum, in Bewegung zu sein.
Gleichzeitig ist dir wichtig, dass deine Malerei weiterhin als deine erkennbar bleibt. Wie viel Veränderung verträgt die eigene Herangehensweise?
CK: Ich glaube, dass die eigene Herangehensweise eine ganze Menge Veränderung verträgt. Sie muss regelmäßig aktualisiert werden, sonst langweile ich mich und der ganzen Sache kommt die Dringlichkeit abhanden. Inwieweit sich das dann auch wirklich auf das äußere Erscheinungsbild meiner Arbeiten auswirkt, ist die andere Frage. Da bin ich selber vielleicht auch etwas betriebsblind. Wiedererkennbarkeit ist ja nur teilweise mein Job, dafür muss es auch die Betrachtenden geben, die bereit sind, genau hinzusehen und wieder zu erkennen. Ich bewundere Künstler und Künstlerinnen, deren Arbeiten im Verlauf ihrer Karriere sehr unterschiedlich aussahen.
Gibt es bei den Arbeiten für Freischwimmer etwas, das du vor ein oder zwei Jahren noch nicht gemacht hättest?
CK: Ganz viel! Die Arbeiten sind viel stärker improvisiert und dauern gleichzeitig mitunter länger als früher. Das führt zu neuartigen Übermalungen und Unvollständigkeiten, aber auch teilweise zu einer gedämpfteren Farbpalette. Auch Gesten und Linien haben an Bedeutung gewonnen. Generell würde ich sagen, dass ich mich im Prozess mehr von den Bildern leiten lasse, wohin auch immer sie jeweils wollen. Das führt zu einer größeren motivischen und auch malerischen Diversität, schafft aber auch neuartige Verbindungen zwischen den Bildern.
Du arbeitest inzwischen weitgehend ohne Vorzeichnungen. Wann weißt du beim Malen, in welche Richtung ein Gemälde gehen soll - und wann weißt du, dass es fertig ist?
CK: Das Weglassen solcher Planungsschritte ist eine der Strategien, die den Arbeitsprozess länger offen halten. Wenn man keine Skizze hat, an die man sich hält, dann ist im Bild bis zuletzt eigentlich alles möglich – aus Tag kann noch Nacht werden, ganze Figuren können dazukommen oder ausgelöscht werden, Nebensächlichkeiten können plötzlich zentrale Bedeutung im Bild erlangen.
Die Art, wie ich Elemente in meinen Bildern platziere, hat viel mit Aufzählung zu tun. Ein bisschen wie beim Spiel "Schiffeversenken": vier kleine Boote, drei mittlere, zwei größere und ein großes Schlachtschiff. Irgendwann habe ich dann meine Elemente im Bildraum platziert und er ist "voll". Meine Bilder haben also oftmals eine Art natürliches Ende. Am Schluss kann man noch an den Elementen schrauben, die schon da sind, aber es kann nicht endlos etwas dazukommen.
Du sprichst oft vom „Weg des geringsten Widerstands“. Was bedeutet das für dich konkret beim Malen?
CK: Für mich bedeutet das, schnörkellos und pragmatisch zu arbeiten. Spontan sein, sich den Gegebenheiten anpassen, unbekümmert reagieren, die Welle surfen. Größtmögliche Präzision durch möglichst simple Ausführung. "Widerstand" ist hier konkret auf den ausführenden Akt des Malens bezogen. So etwas wie innere Widerstände gibt es natürlich auch. Die sind wiederum sehr gesund, glaube ich. In diesem Bereich den Weg des geringsten Widerstands zu wählen, wäre fatal.
Wie gehst du damit um, wenn ein Bild während des Malens eine völlig andere Richtung nimmt als erwartet? Gibt es Entscheidungen, die du bewusst stehen lässt, gerade weil sie zunächst „falsch“ wirken oder verwirfst du auch Ideen?
CK: Ich lasse es passieren. Im Grunde genommen will ich ja genau das. Das heißt nicht, dass ich während der Arbeit nicht auch mal frustriert und selbstmitleidig bin, wenn etwas nicht klappt. Nicht jeder neue Weg, den ein Bild einschlägt, ist ja automatisch genial. Kleine Missgeschicke kann ich manchmal mit der Zeit lieben lernen. Oder den Kontext so anpassen, dass es nach Absicht aussieht. In der Musik sagt man doch oft, wenn du einen falschen Ton spielst, spiel ihn am besten gleich nochmal.
Natürlich gelingt es mir nicht immer, auf Missgeschicke mit absoluter Weisheit und Ruhe zu reagieren. Manchmal will man ja auch einfach, dass etwas klappt und wird ungeduldig und versucht es mit der Brechstange. Wenn es mir mal passiert, dass ich ein Bild totgemalt habe, drehe ich es auf den Kopf und male ein neues drauf.
Viele deiner Motive sind erstaunlich alltäglich oder beiläufig. Was muss dir an einer Situation auffallen, damit du denkst: Daraus könnte ein Bild werden?
CK: Schwer, das so runterzubrechen, da das nicht immer rational ist und die Bildfindung auch teilweise sehr unterschiedlich ist. Manchmal habe ich ein konkretes malerisches Vorhaben und suche ein Motiv, das den "Austragungsort" dafür bietet. In solchen Fällen ist es gut, wenn nichts anderes im Bild davon ablenkt, da sind banale Dinge sehr geeignet. Zudem ist es hilfreich, wenn das Bild motivisch für möglichst viele Menschen lesbar ist. Mir gefällt die Fallhöhe, die entsteht: Je banaler und bekannter das Motiv, desto mehr muss man auf anderer Ebene liefern, um zu überzeugen.
In deinen Bildern und Titeln steckt häufig auch Humor, ohne dass sie wie Pointen funktionieren. Welche Rolle spielt Humor für dich beim Malen?
CK: Auf der einen Seite gibt es so etwas wie einen Bildwitz, der entsteht, wenn Erwartungen durchbrochen und Dinge visuell zugespitzt werden.
Ein bisschen allgemeiner gedacht, finde ich Humor als Haltung in der Kunst extrem wichtig. Wenn Kunstwerke und die dazugehörigen Künstler bzw. Künstlerinnen mir als Betrachter von Anfang an vermitteln, wie wichtig und ernst sie sind, will ich am liebsten gleich wieder gehen. Dass Humor und Leichtigkeit unvereinbar mit inhaltlicher Tiefe, künstlerischer Ambition oder Relevanz sind, halte ich für ein fatales Missverständnis. Meine Arbeit ist für mich Spiel – gleichzeitig meine ich das, was ich mache, todernst. Leichtigkeit und Leichtfertigkeit sind nicht dasselbe.
Du hast im Gespräch einmal gesagt: „Man kann sich Sachen durch Perspektive schmackhaft machen.“ Was meinst du damit?
CK: Als figurativer Maler bin ich darauf angewiesen, dass mich das, was ich male, ehrlich interessiert. Sonst werden die Bilder schlecht. Dabei ist es oft nicht der eigentliche Bildgegenstand, der mich interessiert, sondern der Umgang mit ihm. Wie bekommt man einen Weihnachtsmann im Schornstein in ein kleines viereckiges Bild? Wie muss man eine komplexe Szenerie organisieren, dass eine stabile Komposition entsteht? Dabei habe ich ja die vollkommene Freiheit. Oftmals kann ich auf diese Weise Motive, die eigentlich per se nicht spannend sind, neu aktivieren. Ein Jesus am Kreuz von vorne mag langweilig und bekannt sein. Ihn hingegen mittig von oben zu malen, kann auf einmal wahnsinnig herausfordernd und bildwürdig sein.
Du bringst in deinen Gemälden bewusst Dinge zusammen, die sich zunächst widersprechen - leuchtende und schmutzige Farben, grobe und präzise Malerei, Alltag und Kunstgeschichte. Was interessiert dich an diesem „Clash“?
CK: Ich glaube, das entspricht sehr der Art und Weise, wie ich auf die Welt blicke, beziehungsweise wie diese auf mich einwirkt. Versatzstückhaft und widersprüchlich und mitunter extrem. Das ist keine besondere Erkenntnis, das haben Künstler und Künstlerinnen vor 50 Jahren schon ebenso verhandelt und heutzutage geht das sicherlich den meisten Menschen so. Soll heißen: ich orchestriere und erzeuge diesen Clash auf der Leinwand; allerdings eigentlich nicht, um etwas möglichst extremes zu erzeugen, sondern um etwas näher zu kommen, was meinem Erleben der Welt entspricht. Das klingt jetzt deeper als es ist. Ich denke da so aktiv beim Arbeiten nicht drüber nach. Letztendlich suche ich für jeden Bildgegenstand nach der richtigen malerischen Übersetzung.
Du hast mal gesagt: „Am Ende ist eh jede Art von Malerei eine Art Trickserei.“ Was ist für dich die Trickserei an der Malerei?
CK: Ich habe das Gefühl, dass nach wie vor ein großer Mystizismus um die Malerei herrscht. Diese Malerei-Romantik macht mir persönlich großen Spaß. Bei der tagtäglichen Arbeit im Atelier geht es aber meiner Erfahrung nach oft sehr rational zu. Wer malt, möchte am Ende des Tages auch jemanden überzeugen. Wovon auch immer. Jeder hat seine Methoden und Arbeitsweisen und weiß, was beim Malen funktioniert und was nicht, man hat eben seine verschiedenen Tricks. Das ist ein total irdischer Prozess. Dass daraus am Schluss manchmal dennoch so etwas wie magische Momente entstehen, die mit Worten schwer beschreibbar sind, finde ich das Schöne am Malen.
Im September werden deine Arbeiten auf der Armory Show zum ersten Mal in New York gezeigt. Was bedeutet das für dich?
CK: Allein das Wort "New York" hat natürlich eine Strahlkraft. Da verstehen auch Außenstehende direkt, dass es sich hier um etwas Besonderes handelt, wenn man davon erzählt. Ich freue mich in erster Linie darauf, die Stadt und ihre Kunst zu sehen – ich war noch nie außerhalb von Europa.
Ist die Armory Show für dich in dieser Hinsicht auch eine besondere Situation, weil dort viele Menschen deine Arbeiten zum ersten Mal sehen werden?
CK: Ja, es ist immer spannend, wenn man seine Arbeiten an einem Ort zeigen darf, wo einen noch keiner kennt. Mir ist natürlich sehr bewusst, dass ich mit meinen Bildern nur ein winziges Sandkorn in diesem riesigen Zirkus sein werde. Mich würde sehr interessieren, wie meine Malerei durch eine amerikanische Brille wirkt. Wie deutsch, beziehungsweise europäisch sie eigentlich ist. Man selber kann das ja nicht so recht einschätzen.
Studium abgeschlossen, Einzelausstellung, New York - hast du gerade das Gefühl, an einem Übergang zu stehen, oder denkst du darüber beim Arbeiten eigentlich gar nicht so viel nach?
CK: In erster Linie ist das natürlich eine wahnsinnig tolle und privilegierte Perspektive, unmittelbar nach dem Studium so viel anstehen zu haben. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, eigentlich jetzt erst bei Null zu starten, auch wenn das nicht so ganz stimmt.